Angriff auf Coventry

Am 14. November 1940 flog die deutsche Luftwaffe unter dem Decknamen „Unternehmen Mondscheinsonate“ einen schweren Luftangriff auf die mittelenglische Stadt Coventry. Mit über 550 Toten war es der Angriff, der die meisten Todesopfer aller deutschen Luftangriffe in England forderte. Darüber hinaus wurden große Teile der Innenstadt, 4330 Häuser und unersetzliche Kulturgüter dem Erdboden gleichgemacht. Aufgrund des hohen Zerstörungsgrades erfand der nationalsozialistische Propagandaminister Joseph Goebbels den Begriff „coventrieren“ für die Vernichtung einer Stadt aus der Luft.

Auch die im 14. Jahrhundert erbaute Kathedrale der Stadt war in Flammen aufgegangen, nur die Außenmauern standen noch. Am Morgen nach der Zerstörung fand der Steinmetz Jock Forbes in der Ruine zwei verkohlte mittelalterliche Dachbalken, die in Form eines Kreuzes aufeinander gefallen waren. Er band sie zusammen und stellte sie in der Ruine auf.

Vater vergib

Noch an dem Tag nach dem Brand wurde es Dompropst Richard Howard klar, dass die Kathedrale wieder aufgebaut werden müsse (auch wenn es noch bis 1962 dauern sollte). Einige Zeit nach der Zerstörung ließ er mit einem verkohlten Stück Holz den Anfang des ersten Kreuzeswortes Jesu auf die Wand hinter dem Ruinenaltar schreiben: „Vater, vergib“. Bewusst verzichtete er dabei auf die Fortsetzung des Verses (Lukas 23, 34) – „Vater, vergib ihnen“. Nicht nur der Feind, sondern „wir alle haben gesündigt und ermangeln des Ruhmes, den wir bei Gott haben sollten“, hatte bereits Paulus geschrieben (Römer 3, 23) und im Epheserbrief wurde gemahnt: „Seid untereinander freundlich, herzlich und vergebet einer dem anderen, wie Gott euch vergeben hat in Jesus Christus“ (Epheser 4, 32). 1959 entstand aus diesen Worten das Versöhnungsgebet von Coventry, das bis heute jeden Freitag in der Ruine der Kathedrale und an zahlreichen Orten weltweit gebetet wird.

Nagelkreuz

Für Richard Howard bedeuteten die Worte „Vater, vergib“ die Verpflichtung, dem Feind die Hand zu reichen. Nicht Bitterkeit, Hass oder der Wunsch nach Vergeltung sollten die Zukunft prägen, sondern die Hoffnung auf Versöhnung, Vergebung und Frieden. Bereits am Weihnachtstag 1940 hatte er in einer landesweiten Rundfunkübertragung aus der Ruine der Kathedrale dazu aufgerufen, keine Rache zu üben, sondern nach dem Ende des Kriegs gemeinsam mit dem Feind an einer freundlicheren, dem Christuskind ähnlicher werdenden Welt zu arbeiten. Als Zeichen dieser Verpflichtung und Verheißung formte Pfarrer Arthur Wales aus drei Zimmermannsnägeln aus den Dachbalken der verbrannten mittelalterlichen Kathedrale ein „Nagel-Kreuz“.

Nagelkreuzgemeinschaft

Nach dem Ende des Krieges begann Dompropst Howard diese Verpflichtung des Weihnachtstages 1940 umzusetzen. Dies führte zu einer ersten Städtepartnerschaft Coventrys mit Kiel und 1959 zu einer weiteren mit Dresden. Als Symbol wachsenden Vertrauens und gemeinsamer Verantwortung für den Frieden wurden diesen Orten ein Nagelkreuz aus Coventry überreicht. Später wurde das Nagelkreuz auch nach Berlin, Münster, Ottobeuren und viele andere im Krieg zerstörte Städte gebracht. Im Laufe der Zeit kamen Orte in anderen Ländern und neuen Krisengebieten, unabhängig vom Zweiten Weltkrieg, hinzu. So entwickelte sich ein internationales Netzwerk für Frieden und Versöhnung, das seit 1974 den Namen Nagelkreuzgemeinschaft trägt.

Die Nagelkreuzgemeinschaft

In einem Aufsatz aus dem Jahr 2013 beschreibt Canon David Porter, von 2008 bis 2013 Leiter der Versöhnungsarbeit Versöhnung an der Kathedrale von Coventry, die Ziele der Nagelkreuzgemeinschaft so: „Als ein Netzwerk ganz normaler Menschen müssen wir heute in einer Welt, die immer noch von Gewalt geprägt ist, eine neue Stimme finden, um die vorherrschende Kriegskultur unserer Tage herauszufordern und zu verwandeln.“

Versöhnungsarbeit

Die Wunden der Geschichte zu heilen, mit Unterschiedenheit zu leben und Vielfalt zu feiern und eine Kultur des Friedens zu schaffen sind dabei die Schwerpunkte der Arbeit. Wie das Nagelkreuz in die konkrete Situation von Menschen hineinwirken kann, will eine Lebensregel aufzeigen, die in den 1960er Jahren in Coventry erarbeitet wurde und für die es seit 1993 eine deutsche Adaption gibt. Sie zu reflektieren und zu bedenken soll keine Fesseln anlegen oder geistliche Gesetze vorgeben; aber sie dient als innere Orientierung und gemeinschaftliche Ausrichtung für Gebet, Bewahrung der Schöpfung und Suche nach Versöhnung.

Kathedrale von Coventry

In Coventry wurde nach dem Krieg entschieden, die Ruine der mittelalterlichen Kathedrale als Gedenkstätte zu erhalten und unmittelbar daneben eine neue Kathedrale zu errichten. Königin Elisabeth II. legte am 23. März 1956 den Grundstein für den Neubau nach Plänen von Sir Basil Spence. Am 30. Mai 1962 wurde die neue Kathedrale mit der Uraufführung von Benjamin Brittens „War Requiem“ eingeweiht. Kathedrale. Im Altarraum der Ruine steht heute eine Replik des am Morgen nach dem Bombenangriff geformten Holzkreuzes, das Original wird in der neuen Kathedrale aufbewahrt.

Internationales Netzwerk

Nagelkreuzzentren

Nagelkreuzzentren gibt es weltweit unter anderen in Australien, Bosnien- Herzegowina, Burundi Canada, Cuba, England (United Kingdom), Indien, Israel, Jordanien, Kenia, Maleysia, Nordirland, Namibia, Neuseeland, Nigeria, Papua Neu Guinea, Polen, Rumänien, Russland, Ruanda, Sambia, Slowakei, Südafrika, Tansania, Uganda, USA, Jugoslawien. Nationale Zusammenschlüsse von Nagelkreuzzentren gibt es bisher in den USA, in England, in den Niederlanden, in Südafrika/Western Cape und in Deutschland.

Netzwerk

Der weltweite Kontakt wird hauptssächlich gepflegt von der Kathedrale in Coventry, der Kontakt auf dem amerikanischen Kontinent von der Nagelkreuzgemeinschaft in den USA (CCN/USA) und der Kontakt nach Mittel-, Ost- und Südosteuropa schwerpunktmäßig von der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland (CCN/D). Der Kontakt zwischen der  Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland und in Nordamerika wird durch gegenseitige Besuche  eines Vertreters auf den jeweiligen Mitgliederversammlungen gepflegt. Ein Mitglied des Leitungskreises nimmt an den Tagungen des niederländischen Coventryberaad teil und ein niederländischer Vertreter an den Mitgliederversammlungen in Deutschland.

Repräsentantentreffen

Austausch und gegenseitige Information unter den nationalen Organisationen geschieht auf dem Treffen der Repräsentanten der oben genannten nationalen Zusammenschlüsse einmal im Jahr in Coventry. Die Zentren aus Mittel- und Osteuropa sind in Coventry durch einen von der Mittel- & Osteuropakonferenz gewählten Delegierten vertreten. Darüber hinaus finden seit 2000 internationale Konferenzen der weltweiten Nagelkreuzgemeinschaft in Coventry statt.

Jugendkonferenzen

Weltweite Jugendkonferenzen unter Leitung oder verantwortlicher Mitwirkung der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland fanden im Jahre 2002 im Haus Nordhelle in Meinerhagen-Valbert und im Jahr 2006 in Kapstadt (Südafrika) statt. Die dritte Jugendkonferenz fand im August 2009 in Krzyzowa/Kreisau/Polen statt. Die vierte Konferenz zum großen Jubiläum der Kathedrale fand im Juni/Juli 2012 in Coventry/England statt. Geplant ist eine weitere Konferenz im Jahr 2016.

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Fürbittenliste, Versöhnungsgebet und Lebensregel stehe auch als PDF-Datei zum Ausdrucken auf der Seite Download  zur Verfügung.

Zu den Zentren

Eine komplette Übersicht der Nagelkreuzzentren in Deutschland mit Adressen und Informationen finden Sie hier.

International

Informationen zur weltweiten Nagelkreuzgemeinschaft, der Kathedrale von Coventry und zu weiteren Zentren finden Sie hier.