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September 2020: Wie die Katholische Akademie in Bayern heute mitteilt, wird die Internationale Nagelkreuzgemeinschaft mit dem Ökumenischen Preis ausgezeichnet, weil sie als weltweites, ökumenisches Netzwerk sich in enger Verbindung zur Kathedrale von Coventry für Frieden und Versöhnung einsetzt.

Die Kathedrale wurde am 14. November 1940 durch deutsche Bomben zerstört, hat dann aber vielfach den Gedanken der Aussöhnung in die Welt getragen und viele ermutigt, sich aktiv für Versöhnung einzusetzen.

Im Jahr des Brexits möchte die Katholische Akademie in Bayern bewusst die christlich motivierte Aussöhnung zwischen Briten und Deutschen als Vorbild würdigen für vielfältige Formen der Versöhnungsarbeit über Konfessionsgrenzen hinweg. Aussöhnung auf dem tiefgründenden Fundament der christlichen Botschaft ist angesichts anwachsender politischer, gesellschaftlicher und religiöser Verwerfungen heute so wichtig wie vor 80 Jahren.

Der Gedanke der Versöhnung betrifft längst nicht mehr einzig die Aussöhnung der ehemaligen Kriegsgegner des II. Weltkrieges. Für Versöhnung und Frieden arbeiten heißt mittlerweile: die Wunden der Geschichte heilen, mit Unterschieden leben und Vielfalt feiern, sowie eine Kultur des Friedens schaffen.

Weit über 200 Orte sind weltweit verbunden mit der Kathedrale von Coventry durch ein Kreuz aus drei Nägeln als Symbol, dass aus den Trümmern des Krieges und Hasses eine christliche Botschaft der Hoffnung erwachsen ist. In Deutschland gibt es über 70 solcher Orte, von Kiel bis München, von Rostock bis Saarbrücken, an denen regelmäßig die Litanei von Coventry gebetet wird, die in den siebenfachen Ruf mündet „Vater, vergib“. Auf Kirchentagen und Katholikentagen ist die deutsche Nagelkreuzgemeinschaft kontinuierlich engagiert.

Der Preis wird, so die Katholische Akademie in Bayern, an Dean John Witcombe von der Kathedrale in Coventry und an den Vorsitzenden der deutschen Nagelkreuzgemeinschaft, OKR Dr. Oliver Schuegraf, übergeben, im Beisein des Bischofs von Coventry, Dr. Christopher Cocksworth, und Reinhard Kardinal Marx. Der Vorsitzende der deutschen Nagelkreuzgemeinschaft sagt: „Wir freuen uns, dass die Arbeit der Internationalen Nagelkreuzgemeinschaft durch die Preisverleihung eine besondere Würdigung erfährt. Das Jahr 2020 gibt Anlass, mit großer Dankbarkeit auf die letzten 75 Jahre zurückzublicken, in denen Aussöhnung und Freundschaften über den Kontinent hinweg entstehen konnten – nicht zuletzt dank tatkräftiger Versöhnungsimpulse wie die der Kathedrale von Coventry. Die Nagelkreuzgemeinschaft will auch in Zukunft ein Netzwerk sein, das sich in ökumenischer Weite für Versöhnung und Völkerverständigung eingesetzt angesichts neuer Formen von Fremdenfeindlichkeit und Nationalismen.“

Der Ökumenische Preis, der 1995 gestiftet wurde, ist zuletzt gemeinsam an Reinhard Kardinal Marx und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm verliehen worden, davor u.a. an die Gemeinschaft von Taizé und an Herrn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert, eine wertvolle Unterstützung für die ökumenische Versöhnungsarbeit der Internationalen Nagelkreuzgemeinschaft und der Kathedrale von Coventry.

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern und die Römisch-Katholische Erzdiözese München und Freising begingen den 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau mit einer ökumenischen Andacht am 27. April 2020 zwischen 17 und 18 Uhr. Diese fand am authentischen Ort statt, in der Evangelischen Versöhnungskirche auf dem einstigen Gelände des Häftlingslagers, unweit des Krematoriums.
Da das Gedenken wegen der Corona-Krise nicht öffentlich sein konnte – geplant war ein großer Gottesdienst zum Befreiungstag mit Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, Kardinal Reinhard Marx und Metropolit Augoustinos Lambardakis -, wurde die Andacht in einer deutschsprachigen und einer englischsprachigen Fassung aufgezeichnet. Das geschah auf Wunsch von Familien von Dachau-Überlebenden und von Veteranen, die als amerikanische Soldaten Dachau befreit hatten.

Im Mittelpunkt der Andacht stehen Zeugnisse der Dachau-Häftlinge Herbert Zipper, Jura Soyfer, Joseph Rovan und Karl Adolf Groß. Der Gesang der jungen Musikstudentin Sophie Aeckerle auf Deutsch, Griechisch, Englisch und Hebräisch verbindet das Gedenken an alle KZ-Opfer und die dankbare Erinnerung an die Befreiung vor 75 Jahren mit der Hoffnung auf eine Überwindung von Unrecht, Krieg und Not heute. Das Video wird am Mittwoch, 29. April 2020, um 17 Uhr veröffentlicht, in etwa zu der Zeit, zu der vor 75 Jahren US-Army-Einheiten die Häftlinge befreiten: www.bayern-evangelisch.de/75J.BefreiungDachau.

Für Kirchenrat Dr. Björn Mensing, Pastoralreferent Ludwig Schmidinger und Diakon Klaus Schultz, von unserem ökumenischen Nagelkreuzzentrum „Evangelische Versöhnungskirche“ und (katholische) „Todesangst-Christi-Kapelle“, die gemeinsam mit der Sängerin Sophie Aeckerle die Andacht gestalteten, war es von tiefer Bedeutung, dass zur selben Zeit an anderen Orten der Befreiung von Dachau gedacht wurde. Auf Initiative des Shoah-Überlebenden Zdeněk Pošusta in Prag, dessen Vater das KZ Dachau überlebt hatte, beteten in der Tschechischen Republik Oberrabbiner Karol Sidon und Bischof em. František Radkovský für die Opfer. Viele gute Wünsche zum einzigen „analogen“ Gedenken zum 75. Jahrestag der Befreiung am authentischen Ort kamen gestern in Dachau an, aus den USA, aus Großbritannien, aus Polen, aus den Niederlanden und aus Deutschland. Der Dank für ihr Engagement von Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, war den Verantwortlichen der kirchlichen Gedenkstättenarbeit besonders wertvoll, ein bemerkenswertes Zeichen der jüdisch-christlichen Verbundenheit, gerade angesichts der schuldhaften Verstrickung der deutschen Kirchen in der Zeit des Nationalsozialismus.

Kerzen in Dachau für den Schmerz in Hanau – Gesten der Anteilnahme Foto: Björn Mensing
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Die deutsche Nagelkreuzgemeinschaft betet für den Schmerz nach den Schüssen von Hanau

Die deutsche Nagelkreuzgemeinschaft nimmt aus tiefsten Herzen Anteil an dem, was Deutschland gegenwärtig aufwühlt. Wir gedenken der aus rassistischen Motiven Ermordeten und sind in Gedanken und im Gebet bei allen, die einen geliebten Menschen verloren haben oder bei den Angriffen traumatisiert wurden.

Die Wallonisch-Niederländische Kirche Hanau, eines unserer deutschen Nagelkreuzzentren, ist nur wenige Straßenzüge von einem der beiden Attentatsorte entfernt. Die Kirchengemeinde wurde in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts von reformierten Glaubensflüchtlingen aus den „Spanischen Niederlanden“ gegründet, die schließlich in Hanau eine neue Heimat fanden.

Die Wege von Torben Telder, Leitender Pfarrer der Wallonisch-Niederländischen Kirche, führen oft an dem Attentatsort vorbei: „Auf einmal ist es ein Ort des Schreckens. Nun ist also der ‚Terror‘, den ich bisher nur aus dem Fernsehen kannte, vor der eigenen Haustür angekommen. Als Flüchtlingskirche wissen wir um die Schwierigkeiten von Ankommen, Anpassen und Wahrung der eigenen Identität. Unsere Geschichte lehrt uns, dass es in Hanau erfolgreich möglich war. Diese Erfahrung wollen wir in die Stadtgesellschaft auch weiterhin einbringen.“

Für Pfarrer Telder ist dabei das Nagelkreuz ein hilfreiches Symbol. Im Rahmen von Gedenkveranstaltungen ist das Hanauer Nagelkreuz gerade „on Tour“, um bei verschiedenen Anlässen um Versöhnung zu werben. Auch das Versöhnungsgebet von Coventry mit seinem „Vater vergib“ ist für Telder eine gute Brücke in diesen Tagen. Es verweise nicht auf einzelne, sondern auf uns alle. So seien unsere Gedanken nicht nur bei den Opfern, sondern auch bei der Familie des Mörders. Am morgigen Sonntag wird in der Wallonisch-Niederländischen Kirche ein Gedenk- und Bittgottesdienst für den Frieden stattfinden, in dem Pfarrer Telder auf die Bedeutung des „Vater vergib“ eingehen wird.

Auch viele andere Nagelkreuzzentren sind immer wieder im Gedanken und mit Gebeten in Hanau. In Andachten und Gottesdiensten bieten sie den Menschen Raum, ihr Mitgefühl und ihre Solidarität mit den Einwohnern von Hanau, aber auch ihr Entsetzen und ihre Sprachlosigkeit vor Gott zu bringen. So gedenkt z. B. die Nagelkreuzkapelle in Potsdam heute in ihrem Samstagabendgottesdienst der Opfer von Hanau und will ein Zeichen gegen Rassismus, Hass, Hetze und terroristische Gewalt setzen. Vertreter der evangelischen Versöhnungskirche und der katholischen Seelsorge auf dem Gelände des KZ-Gedenkstätte entzündeten bereits am Donnerstag während einer Gedenk- und Demonstrationsveranstaltung in der Dachauer Innenstadt Kerzen für die zehn in Hanau ermordeten Menschen.

In dem Jahr, in dem sich der 80. Jahrestag des Bombenangriffes auf Coventry jähren wird, ist der Auftrag der Nagelkreuzgemeinschaft leider aktueller denn je. Das Versöhnungsgebet von Coventry verweist uns an all jene, denen ein Platz und eine Heimat in unserer Gesellschaft verwehrt wird. Wir sind aufgerufen, uns für sie einzusetzen. Wir bitten um Vergebung, wo wir selbst mangelnde Teilnahme an der Not der Gefangenen, Heimatlosen und Flüchtlinge zeigen. Wir widersprechen jenen, die Rassismus predigen und gegen unsere Mitmenschen hetzen. Wir tun dies nicht im Geist des Hasses oder der Rache, sondern aus einer großen Sehnsucht heraus nach Frieden und Versöhnung. Aus der Geschichte heraus haben wir die Verpflichtung der Verzweiflung Hoffnung entgegen zu setzen und dem Hass mit Feindesliebe zu begegnen.

22.2.2020,
OKR Dr. Oliver Schuegraf, Vorsitzender der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland